Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Die Heimatvertriebenen 

   Die Fronten rückten bedrohlich näher. Die Tochter litt unter heftigem Durchfall und musste wieder ins Krankenhaus. Kurz danach wurde ihre Mutter unter Diphtherieverdacht in dessen Isolierstation eingeliefert.

   Im Haus wurde es dennoch immer enger. Die Mutter stammte es dem Osten. (Im Bild Bolles Grosseltern mütterlicherseits mit ihren zwei Söhnen, vier Töchtern und den Schwiegertöchtern und -söhnen in spe im Jahr 1917 in Ebersdorf im Kreis Sprottau) Aus dem Warthegau kamen die ersten Verwandten mit sechs Pferden und drei hochbepackten Wagen. Den ersten fuhr der Onkel, den zweiten die Tante den dritten die Kusine. Ihr Bruder war  zwei Jahren zuvor gefallen. Sie hatten den Treck rechtzeitig angetreten: der Onkel brachte sogar seine Jagdwaffen mit, darunter eine alte Flinte von großem Wert.

   Ihnen folgten die Stahlberger, an ihrer Spitze der Onkel  der Mutter, ein distinguierter alter Herr, den die Göbbelspropaganda zu Beginn des Polenfeldzuges unter die Opfer des Bromberger Blutsonntags gezählt und damit für eine Woche größte Bestürzung im ganzen Clan ausgelöst hatte. Sie kamen ebenfalls mit Pferd und Wagen. Der Großonkel saß auf dem Kutschbock seiner Prachtkutsche, die nach der langen Reise so prächtig allerdings nicht mehr aussah.

   Auch das Geburtshaus des Vaters hinter der Kirche füllte sich. Die Leutmannsdorfer Vettern hatten sich eingefunden. Dem einen fehlte ein Arm, dem anderen eine Niere. Ihre Mutter kam einige Zeit später mit den drei Töchtern. Die jüngste stand unter Schock; sie war vor einem Rotarmisten, der sie vergewaltigen wollte, in einen Teich geflüchtet und hatte den betrunkenen Verfolger im Wasser erwürgt.  Ihr Vater war in letzter Minute zum Volkssturm eingezogen und blieb für immer verschollen.

   Nach dem Abzug der Amerikaner - vorerst waren sie noch gar nicht da - reiste die Tante aus Waltersdorf an. Sie hatte den Durchhalteparolen vertraut und war zusammen mit ihrem Mann schon bald nach dem späten Aufbruch in Richtung Westen von den Russen überrollt worden. Die einst recht wohlhabende Frau eines in Niederschlesien weithin bekannten Getreidegroßhändlers besaß nur noch die Kleider auf dem Leib, ansonsten rein gar nichts.

   Ihren Mann, den Onkel Wilhelm, hatten die Russen verschleppt, nach Sibirien, wie sich später herausstellte, ans Ende der Welt. Er aß stets gern und gut, war schwer herzkrank und pflegte sich dieserhalb und desterwegen zweimal im Jahr zur Kur nach Bad Kudova zu begeben.  Niemand glaubte an seine Rückkehr aus dem fernen Russland. Für den gab keiner auch nur einen Pfifferling mehr.

   Etwa ein Jahr später stand er auf dem Mansfelder Bahnhof - in Lumpen gehüllt, eine Blechdose in der einen Tasche, einen Holzlöffel und einen Kanten Brot in der anderen. Total abgemagert und - kerngesund. Die dahinsiechende örtliche Genossenschaft kam erst in Schwung, nachdem er die Sache in die Hand nahm. Er trat niemals in die SED ein, aber er blieb bis ins hohe Alter der heimlicher Direktor des Betriebes, dem nominell selbstverständlich einer von diesen Altkommunisten verstand.     

   Zuletzt kam die jüngste Schwester der Mutter, die Tante Hertha. Ihr einziger Sohn war als blutjunger Panzersoldat im Frankreichfeldzug gefallen. Ihr Mann hasste Hitler seitdem wie die Pest. Er betrieb in Grünberg einen Drogeriegroßhandel und besaß die drei Drogerien der Stadt. Aus seiner Abneigung gegen die Nazis machte er kein Hehl und stand somit  ständig mit einem Bein im KZ.

   Die Ankunft der Russen sehnte er geradezu herbei. Und wenn alle die Flucht ergriffen, er würde bleiben. Die Berichte über die Untaten der Roten Armee waren nur Gräuelpropaganda, meinte er. Die Tante harrte bei ihm aus. Als die Russen kamen, wurde er mit einigen anderen "Kapitalisten" von ihnen auf die Oderwiesen geführt und praktisch vor den Augen der Tante kurzerhand erschossen. (Bild: Tante Hertha und Onkel Robert)

   Sie trug ihr Leid mit großer Würde. Zunächst übernahm sie in der Genossenschaft ihres Schwagers Wilhelm die Buchführung, mit dem Eintritt ins Rentenalter übersiedelte sie ganz legal nach Westberlin. Dort pflegte sie ein leeres Grab für Mann und Sohn, in dem sie selbst einmal begraben werden wollte. Sie wurde es - im biblischen Alter von 92 Jahren.

   

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