Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Das letzte Gefecht

   Über Wippra zog ein Artilleriebeobachter ungestört seine Kreise. Von der Flak war nichts zu hören. Den Oberfeldwebel und seine Vierlinge hatte das Heimweh offensichtlich schon weitergetrieben in Richtung Braunschweig. Ab und an lenkte der Flieger am Himmel das Feuer auch auf die Straßengabel hinter dem Bahnhof; rechts zweigte der Weg nach Grillenberg ab, geradeaus führte die Straße neben den  Bahngleisen  in Richtung Heimat - 18 Kilometer Fußmarsch, zu dem sich Bolle mit seiner Frau zwecks Passbeschaffung entschlossen hatten.

   Als sich die beiden Wandersleute dieser Straßengabel näherten, heulte wieder eine Granate heran. Bolle hatte den Abschuss gehört und seiner Frau zugerufen: "Runter  in den Straßengraben." Er selbst blieb in geduckter Haltung stehen und lauscht angespannt.

   Einen Volltreffer hört man sowieso nicht, wohl aber hört man, ob eine Granate in unschädlicher Ferne krepieren wird oder in gefährlicher Nähe. Einem erfahrenen Frontschwein bleiben dann noch Sekundenbruchteile, um sich in den Dreck zu werfen.  Bolle scheute - ehrlich gesagt - den von einem Rinnsal durchweichten Straßengraben. Eine derartig nasse Deckung empfahl sich nur für den äußersten Notfall.

   Nach dem vierten "Runter" - die Straßengabel lag glücklicherweise schon verhältnismäßig weit hinter ihnen - kam es zum ersten Ehekrach. Die Frau war pitschnass, ihr Mann noch immer strohtrocken.

   "Warum muss ich mich in den nassen Graben legen und du bleibst seelenruhig stehen?" -

   "Ich bleibe nicht seelenruhig stehen, ich lausche aufmerksam mit Schiss in der Hose. Ich höre den Abschuss, und am Heulton erkenne ich, ob Gefahr im Verzug ist. Und wenn dem so ist, gehe ich schleunigst in volle Deckung, auch in diesem verdammten Straßengraben, wenn es denn sein muss. Aber dich könnte ich nicht mehr rechtzeitig warnen, das geht dann alles blitzschnell." -

   "Und wenn ich mich wieder erkälte? Ich komme gerade erst aus dem Krankenhaus." -

Bolle verschlug's die Sprache: "Komm, geh weiter!"

Da pfiff der Tod heran und seine Frau rede von einer Erkältung. Andererseits, so Unrecht hatte sie nicht. Man schrieb April und noch wehte kein laues Lüftchen. Er hatte selbst schon daran gedacht: sie würde beim Bahnhofsvorsteher in Friesdorf ihre Sachen trocknen müssen, das waren entfernte Verwandte, die Großmutter väterlicherseits stammte aus Friesdorf. Aber zunächst mussten sie dort sein, es waren noch anderthalb Kilometer.

   Vorn auf der linken Straßenseite kam ein Trupp Zivilisten auf sie zu. Es waren Zwangsarbeiter, sie trugen keine Waffen, jedenfalls nicht sichtbar. Bolle setzte sich auf einen Kilometerstein und hielt die entsicherte Pistole bei vor der Brust verschränkten Armen unter der offenen Jacke verborgen. "Wenn sie über die Straße kommen, legst du dich wieder in den Straßengraben. Es sind sieben Mann, ich habe sechs Schuss im Magazin und einen im Lauf, die werde ich gar nicht alle brauchen."

   Die Männer kamen näher, das sah gar nicht gut aus. Vielleicht waren sie harmlos, vielleicht auch nicht? Wie weit sollte er sie noch herankommen lassen? Höchstens auf Pistolenschussnähe. Auf keinen Fall auf gleiche Höhe. Wenn sie dann über die Straße stürmten, war es zu spät. Nein, er würde lieber gleich einen Warnschuss abgeben und sie zur Umkehr auffordern, alles andere war zu riskant.

   In diesem Augenblick hörte er den Abschuss. Der Heulton war genau richtig, er konnte ruhig sitzen bleiben. Die Granate galt dem Männertrupp und krepierte mitten auf der Straße, mindestens 80 Meter vor ihm, aber höchstens 40 Meter vor diesen unheimlichen Gestalten. Die nahmen ihre Beine in die Hand und liefen und liefen. Sie liefen um ihr Leben, selbst in Friesdorf ließ sich keiner von ihnen blicken.

   Bolle hätte dem Mann, der da oben am Himmel seine Kreise zog, vor lauter Dankbarkeit gern die Füße geküsst, obwohl der sich vermutlich in den Hintern gebissen hätten, wenn er gewusst hätte, welch unbezahlbaren Gefallen er dem Mann da unten an der  Straße irrtümlich getan hatte. -

   Nach dem Trocknungsaufenthalt in Friesdorf trafen sie am Fuße der Rammelsburg auf etwa 15 Männer der Waffen-SS unter Führung eines Untersturmführers (Leutnant). Die Frage nach dem Wohin war schnell beantwortet: "Wir gehen nach Hause."  -

"Haben Sie einen Reisepass?" fragte der SS-Offizier ironisch. "Sie verlassen jetzt nämlich das Hoheitsgebiet des Großdeutschen Reiches. Vor ihnen liegt das Niemandsland." Alles lachte, es war der reinste Galgenhumor.

   Ein kurzer Händedruck, dann bogen sie von der Straße ab und folgten dem Lauf der Wipper und der Bahnlinie im Tal. Das war zwar nicht der bequemste, aber der kürzeste und sicherste Weg nach Biesenrode. An der Klippmühle, einem vor dem Kriege beliebten Ausflugslokal, legten sie die letzte längere Rast ein.

   An dieser Stelle des Tales hatte die Reichsbahn eigens einen Bedarfshaltepunkt eingerichtet, wer dort aussteigen wollte, musste es dem Schaffner vorher sagen. Bolle hat die idyllische Mühle nach der Wende wiedergesehen: sie ist ein Vorzeigestück des real-existierenden sozialistischen Verfalls. -

   Die Tochter des Hauses, Bolle war mit ihr von Sexta bis Quarta zur Schule gegangen, stellte Kaffee und Kuchen auf den Tisch. "Habt ihr den schon für die Gäste aus Übersee gebacken?" - Es wurde viele makabre  Scherze gemacht in diesen Tagen.

   Auf der Rabenskoppe, Schauplatz vieler Schlachten mit der Vatteröder Jugend, kam ihnen ein Radfahrer entgegen, ziemlich außer Atem: "Die Amerikaner kommen, von Klostermansfeld. Sie sind gleich in der Stadt!"

Nun wurde es wirklich Zeit.

   Bolles Frau hatte sich eine Blase gelaufen und hinkte schon seit dem Aufbruch in der Klippmühle. "Ich muss aus der Uniform raus. Komm du langsam nach, die Amis tun dir nichts. Mach's gut." - "Du auch, bis gleich."

   Hier kannte er jeden Weg und Steg. Über Zäune und Gärten war er schnell zu Hause und fuhr geschwind in die Zivilklamotten, die die fürsorgliche Mutter schon bereitgelegt hatte.

"Wo ist der Vater?" -

"Der sitzt im Preußischen Hof." -

"Da gehe ich auch hin, sobald die Hedy hier ist. Das Schauspiel lasse ich mir nicht entgehen."

   Die Frau kam und Bolle zog los, selbstverständlich mit dem Pass in der Tasche.

   Die Stadt bot ein Bild für sich: überall wehten weiße Fahnen, die gesamte Bevölkerung hing in den Fenstern oder säumte die Straßen. Der Vater saß an der Panoramascheibe im "Preußischen Hof". Die ersten amerikanischen Panzer aus Richtung Klostermansfeld hielten an der Post und warteten dort auf ihr Kameraden, die - direkt am Elternhaus vorbei  - aus Richtung Sangerhausen kamen. Auf diese Weise kriegten die Frauen daheim auch etwa Aufregendes zu sehen. Die Panzerspitzen rollten nach Hettstedt weiter und zogen unendliche Fahrzeugkolonnen hinter sich her.

   Die Sache wurde allmählich ermüdend. Vater und Sohn gähnten und gingen nach Haus. Der Vater holte eine Flasche Wein aus dem Keller - was würde die Zukunft bringen?

Den Vater brachte sie ins Internierungslager, zunächst nach Querfurt und - kurz bevor die Russen einzogen - nach Ziegenhain in den sicheren Westen. Er hatte schon vor 1933 für die Partei die Beiträge kassiert, dass heißt nicht er persönlich:  Bolle lief mit einer Mitgliederliste durch die Stadt und erhielt dafür jedes Mal 50 Pfennig.

   Eines Tages trampte er mit einem Rucksack voller Lebensmittel für den Vater und den Wirt vom "Preußischen Hof" nach Querfurt, wo die Internierten hinter Stacheldraht unter freiem Himmel kampierten. Er ließ den Vater an den Zaun rufen, übergab ihm den Rucksack und erfuhr, dass die Lagerinsassen zwar schlecht verpflegt, aber ansonsten von den Amerikanern anständig behandelt würden.

   Als er am Abend auf eine Mitfahrergelegenheit an der Ausfallstraße von Querfurt wartete, trat eine Frau mit einem Kind an der Hand an ihn heran und bot ihm ein Bett für die Nacht an. In ihrer armseligen Wohnung setzte sie ihm einen Teller Suppe vor, dann zeigte sie ihm das Bild eines Unteroffiziers und fragte, ob er ihren Mann vielleicht irgendwo gesehen hätte.

   Die Ärmsten der Armen halfen den, oftmals nur noch in Lumpen gehüllten, in ganz Deutschland umherirrenden deutschen Landsern, die Reichen verschlossen ihnen meistens die Türen. Bolle war gerührt, obwohl er sich in den schmutzigen Laken, die Nacht für Nacht von einem anderen Obdachlosen genutzt wurden,  wieder die Läuse holte.

   

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