Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Der Lohn der Angst

   Natürlich wurde auch Bolle von missgünstigen Zeitgenossen verraten. Drei Militärpolizisten fuhren im Jeep am  Spanweg vor und nahmen ihn fest. Allerdings gestatteten sie ihm noch, seine Uniform anzuziehen - in Zivil wollte er unter keinen Umständen in Gefangenschaft gehen. Das hätte er auch nicht überlebt. Die Amerikaner nahmen alles gefangen, was ihnen in die Hände fiel - auch Amputierte. Dabei wurden sie den Heerscharen der Kriegsgefangenen nicht mehr Herr.

   In den Lagern herrschten katastrophale Zustände. Besonders berüchtigt waren die Nahewiesen bei Bad Kreuznach. Dem Vernehmen nach lieferten die Amis ihre Gefangenen sogar den Franzosen aus, die seinerzeit unter schweren Minderwertigkeitkomplexen litten und glaubten, mit den Deutschen ein besonders Hühnchen rupfen zu müssen. In Uniform kam er automatisch in ein Offizierslager und  hatte unter den gegebenen Verhältnissen eine faire Überlebenschance. Für einen Zivilisten war sie gleich Null, dem half in einem Kriegsgefangenenlager keiner.

   Die Amerikaner fahndeten überall nach Kriegsverbrechern. Bolle wurde im Landratsamt einem Major vorgeführt, der mit seinen Eltern noch deutsch gesprochen hatte, also keinen Dolmetscher braucht. Er prüfte zuerst akribisch das Soldbuch. Die Vernehmung begann bei Adam und Eva und endete mit der Frage nach dem letzten Aufenthaltsort. Bolle nannte Grillenberg und reichte dem Major die Visitenkarte: "Dieser Captain hier kann das bestätigen."

   Der Major betrachtete die Karte erstaunt, drehte sie hin und her und fragte: "Wieso kennen Sie den? Wie kommen Sie an diese Karte? Ist er tot?" -

   "Dann könnte er die Geschichte, die ich ihnen jetzt erzähle,  ja nicht mehr bestätigen, Major."

   Natürlich erzählte Bolle nur die halbe Wahrheit. Die Tatsache, dass es sich bei den Geschützen um lächerliche Vierlinge vom Kaliber zwo Zentimeter gehandelt hatte, verschwieg er wohlweislich. 

   "Ich werde das überprüfen", sagte der  Vernehmungsoffizier. "Wenn ihre story wahr ist, sind Sie ein freier Mann." Bolles Bitte um einen Passierschein für sich  und seine Frau zum Besuch der Tochter in Wippra erfüllte er auf der Stelle.

   Gut eine Woche später holte ihn der gleiche Militärpolizist erneut zum Landratsamt. Der Major kam hinter seinem Schreibtisch hervor, rückte ihm an einem kleinen runden Tisch einen Sessel zurecht, setzt sich dazu, schob ihm eine geöffnete Schachtel "Camel" hin und rief nach Kaffee. Dann legte er los und zeigte sich dabei von der humorvollen Seite:

"Bei uns, in den Vereinigten Staaten von Amerika, wären Sie ein sehr erfolgreicher Gebrauchtwagenhändler. Sie wären ein reicher Mann, hätten ein Haus mit Swimmingpool und eine Yacht im Hafen. Sie hätten mehrere Betrugsanzeigen am Hals und würden teure Rechtsanwälte damit beschäftigen, Sie vor dem Gefängnis zu bewahren. Das alles glaube ich, weil Sie es tatsächlich fertiggebracht haben,  einem besonnenen, dickschädeligen Iren ein Windei zu verkaufen."

   Jetzt war es an Bolle, ziemlich entgeistert aus der Wäsche zu schauen. „Ja, jetzt staunen Sie. Der Captain hat ihre Angaben bestätigt, aber er hat auch ihre 'Geschütze' durch sein Nachtsichtgerät bei der Abfahrt deutlich erkannt. Hier habe ich seinen Bericht. Sie haben ihn aufs Kreuz gelegt, Sie sind ein ganz durchtriebener Bursche."

   Bolle erhielt einen Dauerpassierschein und hätte sich fortan im gesamten amerikanischen Besatzungsgebiet frei bewegen können, aber dazu gab es keinen Anlass. Angenehm indes war, dass er jederzeit mit einem Jeep der Kommandantur mit nach Eisleben fahren konnte, um im Lazarett den Verband erneuern zu lassen. 

   Als ihn der Major zum letzten Mal offiziell kommen ließ, machte er ein ernstes Gesicht: "Ich verrate ihnen jetzt ein Dienstgeheimnis, aber Sie müssen mir in die Hand versprechen, mit keinem Menschen darüber zu reden - außer ihren engsten Familienangehörigen natürlich. Wir räumen das Land hier, sehr bald. Die Russen werden kommen. Wenn Sie Konsequenzen ziehen wollen, dann sollten Sie sich damit beeilen. Ich muss morgen hier weg. Hier sind Passierscheine für ihre Frau und ihre Mutter."  -

Die Russen! Das war ein ganz schlimmer Hammer.

   Bolle wäre gern mit dem Amis gezogen, die Mutter dagegen war für Bleiben. “Hier haben wir unser eigenes Dach über dem Kopf”, meinte sie. “Dir können sie nichts anhaben, Du warst ja nicht einmal in der Partei.  Und mit uns Frauen dürfen sie bestimmt nicht mehr so umspringen, wie in den letzten Kriegstagen.”

Ein Ortswechsel schien ihr nicht geboten

   

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