Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Die Währungsreform

   Am Tag der Währungsreform, es war ein Sonntag, tauschte Bolle seine paar Kröten um und fuhr dann den Chef und dessen Frau zu ihrer Schwester nach Osnabrück. Bei dieser Gelegenheit holte er den Vater in Bramsche ab, nahm ihn mit nach Eschwege und brachte ihn im Hotelrestaurant  "Zum Stadtpark" unter. Dort stand der Vater bald hinter der Theke, zapfte gekonnt Bier und bediente die Gäste, die sich allabendlich am Stammtisch niederließen, der - und das war ein Unikum - ebenfalls hinter der Theke stand.

   Wer dort Platz nehmen durfte, zählte zur örtlichen Prominenz. Beispielsweise der Besitzer der Billet-Druckerei Haubold, der praktisch ein Monopol in dieser Sparte hatte und sämtliche Kinos und Theater Westdeutschlands mit Eintrittskarten belieferte.

   Der "Große Saal" des "Stadtpark" war Mittelpunkt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der Kreisstadt mit dem berühmten "Dietemann" im Turm des Landratsamtes, einem einstigen Jagdschloss der hessischen Kurfürsten. Unter vielen anderen trat der Geigenvirtuose Helmut Zacharias mit seiner Kapelle im "Großen Saal" auf und füllte ihn bis zum letzten Stuhl.

   Hinter der Theke machte sich der Vater im Laufe der Zeit unentbehrlich. Korrekt, wie er nun einmal war, legte er für jedes Bier, das er selbst trank, das Geld in die Registrierkasse. Als der Mutter das Haus in Mansfeld von den Kommunisten weggenommen wurde und sie legal nach Eschwege übersiedelte, zogen die Eltern in die aus zwei Zimmern bestehende "Suite" des in der Gründerzeit des vorigen Jahrhunderts erbauten Hotels, an dem inzwischen sichtbar der Zahn der Zeit genagt hatte. In den 70ziger Jahren wurde es abgerissen. -

   Das kommende "Wirtschaftswunder" kündigte sich mit einem Paukenschlag an: Noch in der Nacht nach der Währungsreform füllten sich die Schaufenster des kleinen örtlichen Kaufhauses mit Waren, von denen man gar nicht wusste, das es so etwas in Deutschland überhaupt noch gab. Geschirr, Kleider, Schuhe, ja selbst Elektrogeräte präsentierten sich einem staunenden Publikum. Und, eigentlich kaum zu glauben, man konnte diese Dinge tatsächlich kaufen, jede Menge  - wenn man Geld hatte.

   Geld spielte von diesem Tag an wieder eine Rolle, Geld, Geld und nochmals Geld. Bolle erhielt jetzt monatlich 210 Deutsche Mark bar auf die Hand, damit konnte man keine großen Sprünge machen, aber bei einer Miete von 25 Mark war das gar nicht so schlecht. Außerdem begann ja jetzt die große Zeit der Spesen.

   Es gab zwar noch Lebensmittelkarten, Tabakwaren wurden noch zugeteilt, aber mit dem lieben Geld ließ sich in jede Rationierungsmauer ein Bresche schlagen. Das galt unter anderem für Benzin. Auf einem Hinterhof ganz in der Nähe der Redaktion der Neuen Frankfurter Illustrierten war der 20-Liter-Kanister für 20 Mark zu haben; Leergut war selbstverständlich mitzubringen.

   Eines Abend, es war im Limburger "Dom-Hotel", gingen dem Chef die Zigaretten aus; wenn der nichts zu rauchen hatte, wurde er immer ganz kribblig. Der Ober servierte unermüdlich "Dauborner", einen in dieser Gegend gebrannten Obstler, aber Zigaretten konnte auch er nicht beschaffen, weder für Geld, noch für gute Worte. Da kam, wie von Gott gesandt,  ein am ganzen Leibe schlotternder Ami durch die Tür und schaute sich platzsuchend um. Bolle winkte ihm zu und schob ihm zur Begrüßung ein volles Schnapsglas über den Tisch. Der Ami leerte es, schüttelte sich und zog eine Schachtel "Camel" aus der Brusttasche. Die Situation war gerettet. Wie sich herausstellte, kam er bei dieser lausigen Kälte auf seinem Motorrad von Köln, wo er eine Freundin besucht hatte. Er hatte noch mehr Zigaretten, es wurde ein langer Abend.

   Am Morgen war das Waschbecken total verstopft. Der Chef hatte zwar einen Magen wie ein Mülleimer, sich aber doch wohl einen oder zwei "Dauborner" zuviel genehmigt. Jedenfalls war ihm übel geworden und er hatte den Weg bis zur Toilette nicht mehr geschafft. Auf Bolles vorwurfsvollen Blick hin, rechtfertigte er sich: "Denken   S-i-e  lieber an das "Hotel Drees!" -

   "Ja, aber da waren z-w-e-i Waschbecken im Zimmer." Und das stimmte, das "Drees" in Bad Godesberg war ein ganz vornehmer Laden, da hatten sich im Jahre 1938 Hitler und der britische Premierminister Chamberlain getroffen.

   "Jetzt ist nicht die Zeit darüber zu diskutieren, wo wie viele Waschbecken waren", meinte schließlich der Chef, "Lassen Sie uns lieber schnell bezahlen und schleunigst von hier verschwinden."

Sie verschwanden, ungewaschen, unrasiert und ohne Frühstück. Immerhin hatte der Chef noch ein halbes Päckchen "Camel" in der Tasche, das würde bis Frankfurt reichen.

   Achtlos fuhr Bolle an einem Hang entlang, auf dem zwölf Jahre später sein Haus stand.

   Den ersten spürbaren Erfolg der freien Marktwirtschaft erlebten die beiden Reisenden unverhofft in Boppard am Rhein. Auf der Speisenkarte stand Rumpsteak.

"Wie viel Gramm Fleischmarken wollen Sie haben", fragte Bolle die Wirtin. - "Keine", antwortete die.

Keine Fleischmarken? Es war nicht zu fassen.

"Dann bringen Sie uns eine doppelte Portion! Und eine Flasche Wein! Und zum Frühstück können Sie uns noch ein Rumpsteak braten!"

Es gab Rumpsteak zum Frühstück - mit Spiegelei.

   Reisen ins benachbarte Ausland waren allerdings noch mit großen Schwierigkeiten verbunden und erforderten umständliche Vorbereitungen. Für eine Fahrt zu einer Konferenz der "Europa-Union" in Luxemburg benötigte Bolle für den Wagen ein Carnet des Passages und für sich einen internationalen Führerschein.

   

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