Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Der Prahlhans 

   Im Hotel "Eisenhut" in Rothenburg ob der Tauber waren die Verleger der amerikanischen und der britischen Besatzungszone versammelt, um über die Vereinigung der Nachrichtenagenturen dieser beiden Zonen - DENA und dpd - zur DPA zu beraten. Im Anschluss an die Nachmittagskonferenz ging er mit dem Chef in eine Weinstube, in der  junges Volk nach einer Probe des traditionellen Schäfflertanz noch ein bisschen feierte. Die Stimmungswogen schlugen höher und höher. Schließlich wurde eine Nachbildung jenes Bechers herumgereicht, mit dessen Leerung auf einen Zug, dem sogenannten "Meistertrunk", der Bürgermeister von Rothenburg im Mittelalter seine Stadt vor der Zerstörung bewahrt haben soll.

   "Was euer Bürgermeister kann, kann ich auch", prahlte Bolle großmäulig und ließ den Becher mit zwei Flaschen Wein füllen, das waren verdammte anderthalb Liter. An die weiteren Vorgänge kann er sich nicht mehr erinnern.

   "Da haben Sie sich ja ein Ding geleistet", sagte der Chef am nächsten Tag. "Bei Dr. Hempel sollten Sie sich schriftlich entschuldigen." Dr. Hempel war bereits abgereist, der musste sich um seine Zeitung in Gießen kümmern. Angeblich hatte ihm Bolle auf der Treppe den Zutritt zu seinem Zimmer im oberen Stockwerk verwehrt. Aber Genaues wusste eigentlich niemand, alle waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so ganz auf der Höhe. 

Sei dem, wie ihm wolle. Wieder daheim, griff Bolle zur Feder und entschuldigte sich artig mit einem einschlägigen Vers von Christian Morgenstern.

Dr. Hempel nahm die Sache mit gleichem Humor und schickte Bolle eine Brieftasche aus feinstem Leder mit Firmenaufdruck in Goldbuchstaben auf der Innenseite. So etwas bekamen nur Geschäftsfreunde.

*

Nach der Lektüre eines Exemplars der ersten Auflage dieses Büchleins schrieb Kluthes Sohn Peter, der inzwischen als Verlagsgeschäftsführer der Frankfurter Sociätätsdruckerei in Mörfelden vor den Toren der Stadt eine der größten und modernsten Zeitungs- und Akzidenzdruckereien Europas errichtet und mit größtem Erfolg die Nachfolge seines  Vaters als Verleger der "Werra-Rundschau" angetreten hat,  an Bolle unter anderem folgendes:

"Vielleicht nimmst Du mir eine Ergänzung zu einem Deiner Abenteuer nicht übel, die ich aus einer der am liebsten erzählten Anekdoten meines Vaters kenne:

Nach dem Meistertrunk in Rothenburg hatte nicht nur Herr Dr. Rempel (mit "R") aus Gießen seine liebe Not, sein Zimmer aufzusuchen, sondern alle  Gäste der oberen Stockwerke - Du schwangst nämlich auf dem ersten Treppenabsatz Dein Holzbein über dem Kopf und erklärtest lauthals, der Weg dorthin führe nur über Deine Leiche. Was ein Glück, dass es niemand gelungen ist .....".

   

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