Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Der Wilde Westen

   In Colorado Springs wohnte er im "Antlers", einem weithin bekannten Hotel im Stil eines überdimensionierten Jagdhauses, mit entsprechend vielen Geweihen und ausgestopften Raubvögeln  in allen Räumen. Zu den Attraktionen des Kurortes gehörte ein petrifizierter Indianer, dem man pietätvoll einen Schamlatz umgebunden hatte.

   Ein Ausflug in  die alte Goldgräbersiedlung Cripple Creek ließ Jugendphantasien zur Wirklichkeit werde. Die Schotterstraße lief anfänglich parallel zu einer stillgelegten Bahnstrecke. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, die verrosteten Schienen und die vor sich hin faulenden Schwellen abzutransportieren. Dann schlängelte sie sich hoch hinauf in die Rocky Mountains und endete in einer Bilderbuch-Geisterstadt: Windschiefe Bretterbuden standen neben ebenso stark verfallenen Holzpalästen. Hier und dort drehte sich, wie von Gespensterhand bewegt, eine Tür knarrend in den Angeln, Fensterläden schlugen im Windstoß hin und wieder auf und zu. Ansonsten herrschte Todesstille. Vor der Bühne des Theaters hing der halb heruntergerissene Vorhang wie ein Spinnengewebe.

   Für die wenigen Touristen gab es einen Saloon, der gleichzeitig als Postamt diente. Der Barkeeper nahm grundsätzlich nur Silberdollar an.  Wer keine hatte, konnte seine Scheine am Postschalter wechseln lassen. Schalterbeamter war der Barkeeper.

   Im mittleren Westen war der Silberdollar noch ein gebräuchliches Zahlungsmittel, manche Leute trugen ihre Barschaft in Geldkatzen am Gürtel. Als Bolle auf der Rückreise in New York mit einem Silberdollar, den er zufällig noch im Portemonnaie hatte, bezahlen wollte, schüttelte der Kellner den Kopf. In New York akzeptierte kein Mensch einen Silberdollar; er musste damit eigens zur Bank laufen.

   Beim Weiterflug von Colorado Springs nach Denver erachtete es der Pilot nicht der Mühe wert, auf dieser kurzen Strecke Höhe zu gewinnen. Im Tiefflug ging es über die Bodenwellen der Prärie. Über jedem Wellental sackte die Maschine in ein Luftloch. Außer der Stewardess und dem Ex-Fallschirmjäger hielten sämtliche Insassen der Kabine krampfhaft eine Tüte vor den Mund.

   Bolle verweilte einen Tag in der 1847 gegründeten Mormonenstadt Salt Lake City, der Metropole des Staates Utah  am Großen Salzsee mit ihrem riesigen Tempelplatz und dem Pionier-Museum. Nächstes Ziel war San Francisco, die Traumstadt an der amerikanischen Pazifikküste.

   Gleich nach der Ankunft meldete er sich weisungsgemäß bei der Außenstelle des State Department, erstatte Bericht über den bisherigen Verlauf seiner Reise, erhielt neue Moneten und Tickets für die Etappen bis New Orleans. Gleichzeitig wurde er gefragt, ob er eine Einladung zu einer Familie in Palo Alto annehmen würde, die gern mal einen Deutschen zu Gast hätten. Bolle war damit einverstanden, dass der Gastgeber ihn am kommenden Wochenende nach dem Frühstück im Hotel abholte.

   Anschließend suchte er den deutschen Generalkonsul auf, der einen Zehnprozentanteil an der Neuen Frankfurter hielt und den er von Frankfurt her persönlich gut kannte. Sie verabredeten sich für den übernächsten Abend, dann machte sich Bolle daran, San Francisco zu erkunden.  Ein Cable Car brachte ihn zur Fisherman's  Wharf, wo er frische Austern im Dutzend schlürfte.

   Im Presseklub lernte er einen pensionierten Redakteur kennen, der dort ein Zimmer bewohnte und sich ein Vergnügen daraus machte, ihm alles Sehenswerte einschließlich China Town und Golden Gate Bridge zu zeigen. Von der Handelskammer in Oakland wurde er einmal gebeten, im Klub der Geschäftsleute einen Vortrag über die Wirtschaftslage im Zonengrenzgebiet zu halten.

   Der Generalkonsul nahm ihn mit zum Abendessen bei der Witwe eines Anwalts, zu dem diese noch ein befreundetes Ehepaar geladen hatte. Hier befand er sich im Kreis der oberen Zehntausend. Die Dame lebte im Penthouse eines Apartmenthauses hoch über den Dächern von San Francisco. Vor der Haustür stand ein livrierter Portier, die Wohnungstür öffnete eine junge Schwarze in schneeweißer Kittelschürze und ebenso weißen Häubchen, bei Tisch bediente eine zierliche Chinesin und nach dem Essen erkundigte sich eine wiederum schwarze Köchin, ob es den Herrschaften geschmeckt habe. Zum Hauspersonal der Dame gehörte noch eine Zofe, die - wie einem Gespräch der beiden Freundinnen zu entnehmen war - zur Zeit leider, leider am Bett ihrer kranken Mutter weilte.

   

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