Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Der Sonderdienst

   Obwohl es für Nachtarbeit ganz hübsche, steuerfreie Zuschläge gab, wollte keiner in die Nachtschicht gehen. Bolle aber konnte die Zulage gut gebrauchen. Er brauchte das Geld und er brauchte den Tag,  um für sich und seine Familie ein Haus zu bauen. Aus dem gleichen Grund verfasste er selbst in seiner Freizeit noch Artikel für den AP-Sonderdienst, die gesondert honoriert wurden und somit ein schönes Zubrot brachten. Meist ging es um zeitgebundene Kuriositäten, aber die folgende Geschichte über die sieben Weltwunder ist  nach wie vor  aktuell:

   "Rhodos (AP) - Das achte Weltwunder unserer Tage ist ein Besuch der anderen sieben, denn die Wunder und die zu ihnen führenden Straßen sind nicht mehr das, was sie einst waren. Der letzte Zeitpunkt, an dem alle noch standen, war das Jahr 232 vor Christus. Seitdem sind zwei spurlos verschwunden, von drei anderen legen nur noch verstreute Gesteinsbrocken Zeugnis ab, eines ist zu einigen Haufen schmutzigbrauner Ziegelsteine zusammengeschrumpft, und selbst die scheinbar für die Ewigkeit gebaute große Pyramide ist neun Meter kleiner geworden.

   Die Reise des modernen Weltwunder-Besuchers beginnt in Olympia. Hier stand als eines der Weltwunder die Statue des Zeus, von der der vielgereiste Pausianas im zweiten Jahrhundert nach Christus schrieb: "Sie ist zu schön, um die Zeiten zu überdauern." Aus Gold und Elfenbein geschaffen hatte das Kultbild der Vollender der griechischen Hochklassik, der Bildhauer Phidias, gegen Ende des fünften Jahrhunderts v. Chr. Der Schriftsteller behielt recht. Im Jahre 393 schlossen die christlichen Kaiser des römischen Reiches die heidnischen Tempel und ließen die Zeus-Statue in die neue Hauptstadt  Konstantinopel bringen. Eines Tages marschierte die Bürgerschaft in Aufruhr zum Regierungspalast, und in den Wirren verschwand das Weltwunder für immer. Olympia selbst, die berühmteste Wettkampfstätte des Altertums, wurde zerstört und verlassen. 1875 fanden Archäologen bei Ausgrabungen den Platz, auf dem die etwa zwölf Meter hohe Sitzstatue mehr als 800 Jahre gestanden hat.

   Von Olympia geht es mit dem Flugzeug nach Bagdad und dann mit dem Kraftwagen in zwei Fahrtstunden nach Babylon, wo Alexander der Große einst in Tränen starb, weil es keine Welt mehr zu erobern gab. Das Wunder des Ortes war nicht der Turm von Babel, sondern die Hängenden Gärten der Semiramis, die angeblich König Nebukadnezar im 6. Jahrhundert v. Chr. für seine aus dem Bergland Medien stammende heimwehkranke Königin mit Hilfe eines technisch hochentwickelten Bewässerungsnetzes anlegen ließ. Wie Olympia, so ging auch Babylon unter. Der Euphrat änderte seinen Lauf und der Wüstensand deckte die Ruinen. Inzwischen sind die Fundamente der berühmten Gartenanlage wieder ausgegraben worden. Auf einem rostigen Wegweiser steht als dringend benötigter Hinweis "Hängende Gärten von Babylon" und darunter "Eines der sieben Weltwunder".

   Die nächstes Etappe ist Kairo, wo zwei Weltwunder dicht beieinander liegen: die Cheopspyramide und der Leuchtturm von Pharos vor Alexandria. Die Cheopspyramide wurde vor mehr als 4.500 Jahren gebaut und war mit 146,5 Meter rund 2.000 Jahre lang das höchste Bauwerk der Erde. Sie ist im Laufe der Jahrtausende oft beraubt und beschädigt worden, trotz allem aber auch heute noch ein imposantes Zeugnis menschlicher Leistungsfähigkeit.

   Der Leuchtturm von Alexandria, das erste Bauwerk, das die große Pyramide an Höhe übertroffen haben soll, wies den Schiffen Caesars, Marc Antons und Kleopatras den Weg. Alexandria, die zweite Stadt des römischen Reiches, fiel mit Rom, und im siebten Jahrhundert erlosch das Feuer auf dem Turm. Im 14. Jahrhundert wurde er durch ein Erdbeben schwer beschädigt und ein paar Jahre später stürzte er bei einem anderen Beben endgültig ein. Aus seinen Trümmern ließ ein türkischer Sultan eine Festung bauen, die heute noch an dieser Stelle steht.

   Nächstes Reiseziel ist nach einem Flug in die Türkei - ein paar Autostunden von Izmir entfernt - Ephesus, die Stadt, in der der Apostel Johannes einen Teil der Bibel schrieb und die Mutter Gottes wahrscheinlich die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte.  Hier verkündete der Apostel Paulus die neue Heilslehre und hier brüllte ihn die Menge nieder: "Groß ist Diana der Epheser." Ihr Tempel war  viermal größer als das Parthenon der Athene und Pausianas schildert ihn überwältigt: "... an Vollendung und Eindrucksfülle allem anderen Menschenwerk überlegen." Ein anderer Schriftsteller der Antike schreibt: "Ich habe die Gärten von Babylon, den Koloss von Rhodos, die ungeheuren Pyramiden  und das Mausoleum gesehen, aber als meine Augen den Tempel der Diana von Ephesus erblickten, verloren alle anderen Wunder der Welt ihren Glanz." Der im 6. Jahrhundert v. Chr. erbaute Tempel war 133 Meter lang und 69 Meter breit.  356 v. Chr. steckte ihn der ein gewisser Herostratos in Brand, nur um sich einen Namen zu machen. Der Tempel wurde prächtiger  denn je wieder aufgebaut , aber 262  v. Chr. von seeräubernden Goten endgültig vernichtet. Einige der Säulen des Tempels sind in der Hagia Sophia in Istanbul verbaut, Bruchstücke des Frieses  besitzt das Britische  Museum.  Als der Hafen von Ephesus im frühen Mittelalter verlandete, verlor die einstige Hauptstadt der römischen Provinz Asien an Bedeutung und wurde schließlich im 10. Jahrhundert infolge der Plünderungszüge arabischer Flotten vollständig aufgegeben.

   Vom sechsten Weltwunder, dem Mausoleum von Halikarnassus, sind nicht einmal die Fundamente erhalten. Es war das Grab des Königs Mauselus, das in seiner überwältigenden Schönheit nicht nur zu einer Wortschöpfung führte, sondern bis auf den heutigen Tag zum Vorbild für prunkvolle Grabmäler wurde. Errichten ließ das monumentale Marmorbauwerk um 350 v. Chr. die  Schwester des Königs, die gleichzeitig auch seine Frau war. Auf einem gewaltigen Quader ruhte das von 36 Säulen umgebene Hauptgeschoss mit einer 24stufigen Pyramide als Dach. Halikarnassus, einst eine der größten Städte der Welt, ist zur 5.000 Einwohner zählenden türkischen Kleinstadt Bodrum geschrumpft. Der Besucher erklimmt über gewundene, enge Gässchen die halbe Höhe eines Hügels, geht durch das Haus Nr. 55 und steht dort auf einem gepflügten Acker, der Grabstätte des Königs. Die Frage nach dem Verbleib des Mausoleums erübrigt sich an Ort und Stelle - in jede Hauswand, ja selbst im Straßenpflaster sind Marmorbrocken eingelassen, und unten im Hafen steht die gewaltige Marmorburg der Ritter von Rhodos.

   Insel und Stadt Rhodos liegen 65 Kilometer südöstlich von Bodrum. An der Einfahrt des größten Hafens seiner Zeit stand der Koloss von Rhodos, eine riesige Bronzestatue, zwischen deren Beinen der Legende nach auch die größten Schiffe jener Tage hindurchsegeln konnten.  Im Jahre 305 v. Chr. schlugen die Inselbewohner einen Angriff der Syrer ab, verkauften das vom fliehenden Feind zurückgelassene Kriegsmaterial und erbauten von dem Erlös innerhalb von zwölf Jahren den etwa 36 Meter hohen Koloss von Rhodos als Wahrzeichen ihrer Macht und Größe.  Das siebente Weltwunder stand indes nicht über der Hafeneinfahrt, sondern auf einem ungefähr sieben Meter hohen Sockel aus weißem Marmor neben ihr. Obwohl durch Stein und Eisen verstärkt, bekam der nackte Sonnengott mit der Strahlenkrone schon nach kurzer Zeit weiche Knie und stürzte 60 Jahre nach der Fertigstellung im Jahre 280 v. Chr. bei einem Erdbeben um.  Selbst das gefallene Riesenstandbild galt noch als Wunder, bis geschäftstüchtige arabische Invasoren es im Jahre 653 n. Chr. endgültig zertrümmerten und als Schrott verkauften. In den Basaren des ganzen Orients halten ihre Nachfahren noch immer dubiose Bronzebruchstücke feil, die ihren Beteuerungen zufolge vom Koloss der Antike stammen. Beiderseits der Hafeneinfahrt von Rhodos stehen heute zwei Bronzehirsche angeblich an jenen Stellen, an denen das siebente Weltwunder seine gewaltigen Beinsäulen in die Erde gestemmt haben soll.

   

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