Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Eppstein          

   Das erste halbe Jahr hatte Bolle in der möblierten Bude in Offenbach gewohnt, dann fand er eine Wohnung in Eppstein im Taunus. Für die damaligen Verhältnisse war es eine schöne Wohnung: das untere Stockwerk eines Häuschens hoch am Hang gegenüber dem Bahnhof. Zwei Zimmer, Küche, Bad  und - Terrasse. Wieder ein Fortschritt! Frau und Kind kamen nach, die frei werdende Wohnung in Eschwege bezogen die Eltern. Zu richtigen Ehebetten hatte Bolle es allerdings noch immer nicht gebracht. In einem der beiden Zimmer stand das Bett der Tochter, im anderen - dem Wohnzimmer - die Ausziehcouch ihrer Eltern.

   Ein Schulkamerad, der mit der Tochter eines Bauunternehmers im benachbarten Vockenhausen verheiratet war, bot ihm die frei werdende Wohnung über der seinen an. Günthers Schwager, auch ein Journalist, der die Zwillingsschwester geheiratet hatte, war von seiner Wirtschaftsagentur von Frankfurt nach Bonn versetzt worden. Es war ein verlockendes Angebot, drei Zimmer mit Küche, Bad und Balkon. Aber Bolle schlug es zugunsten seiner Eltern aus, die wollten unbedingt in die Nähe ziehen. -

   In dieser Zeit kaufte er sich mit finanzieller Hilfe des Vaters sein erstes Auto, einen Werkswagen von VW. Der hatte knapp 10.000 Kilometer drauf und kostete 3.000 Mark. Beim Kilometerstand von 20.000 ließ er sich für das gleiche Geld verscheuern, und Bolle holte sich aus Wolfsburg einen neuen. Zur Arbeit fuhr als Schwerkriegsbeschädigter kostenlos mit der Bahn.

   Das war alles schön und gut, wenn dieser verdammte Berg nicht gewesen wäre. Bei Eis und Schnee kriegte er bei der Heimkehr von der Spätschicht auch zu Fuß die Kurve nicht und musste dann im "Hotel Burg Eppstein" übernachten. 

Sie hatten gesellschaftlichen Anschluss gefunden. Unter anderem spielten er mit dem Apotheker Bridge oder mit dem Chefarzt des städtischen Krankenhauses Schach. Er war ehrenamtlicher Stadtrat in Eppstein und als solcher für dieses Krankenhaus  zuständig. Seine Frau war mit der Chefin der einzigen Bäckerei und Konditorei am Ort, zu der ein hübsches Café gehörte, dick befreundet. Er selbst erkannte in dem Bäckermeister einen Oberfeldwebel der Luftwaffe wieder, der Flugzeugführer bei  der JU-52-Staffel der Springerschule in Wittstock gewesen war.

   Auf die Dauer nützte das alles nichts. Der Berg rief, aber Bolle konnte ihn im Winter nicht erklimmen. Gegen Eppstein sprach ferner, dass die Tochter inzwischen in Hofheim auf die höhere Schule ging. Die Fahrschülerei war ihrer Großmutter ein Dorn im Auge. Sie hatte ja schon zu seiner Schulzeit auf den Wechsel in ein Internat bestanden, weil sie sich nicht mit dem Gedanken abfinden konnte, ihr Junge tobe auf irgendwelchen Bahnsteigen herum. Bei einem Mädchen, so meinte sie, sei das alles noch viel schlimmer.

Ein Ortswechsel schien angezeigt.

   

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