Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Das Gewehrschloss

   Bolles Zugführer war ein Feldwebel  - grimmiges Nussknackergesicht und ewig heiserer Bierbass -, dem jeder Abiturient in Gräuel war. Er machte aus seiner Abneigung kein Hehl, aber schrankenlose Schikanen waren nicht drin, da war dieser Leutnant vor. Also abwarten und Bier trinken. Einmal fielen diese Klugscheißer doch auf, und dann sind sie dran. - So muss er wohl gedacht haben, und so kam es schließlich auch.  Denn beim Kommiss darf man alles, nur auffallen darf man nicht.

   Die letzten Platzpatronen waren verballert, der Feind war geworfen. Der Trompeter blies zum Sammeln, die Geländeübung  war beendet. Aber, - verdammt - wo war das Gewehrschloss? Bolle starrte die schlosslose Waffe in seiner Hand erschrocken an. Das gibt's doch nicht? Das kann ja gar nicht sein.  Man verliert doch kein Gewehrschloss. Kein Mensch verliert sein Gewehrschloss!  

Nur keine Panik. Wo war er zuletzt in Deckung? Dort hinter diesen Büschen. Da irgendwo im Kuschelgelände musste es liegen, ganz bestimmt, da musste es sein. - Aber da war es nicht. Es war überhaupt nicht da.

Ein Gewehrschloss, - nein,  s-e-i-n Gewehrschloss war von dieser Erde verschwunden.

   Die Gedanken rasten. - So etwas kann man doch gar nicht melden. Man kann sich doch nicht hinstellen und sage. "Bitte melden zu dürfen, ich habe mein Gewehrschloss verloren."

Nicht auszudenken, einfach lächerlich. Nein! - Er wird sich ein neues besorgen. Er wird den Waffenkammerbullen bestechen. Das war's, der Kammerbulle, der so gerne einen trank, der hat bestimmt Schwarzbestände. Alle Kammerbullen haben Schwarzbestände, das weiß doch jedes Kind.

"Suchen Sie was?" fragte sein Feldwebel. -

"Jawohl, Herr Feldwebel. Ich suche mein Gewehrschloss,  Herr Feldwebel." -

"Sie suchen w-a-s ?", der klotzige Kiefer sackte herab. "Wollen Sie mich verarschen, Mann?" -

"Nein, Herr Feldwebel. Bitte melden zu dürfen, ich habe mein Gewehrschloss verloren, Herr Feldwebel."

Mit ungläubigem Kopfschütteln ließ er sich die Knarre zeigen. Tatsächlich, kein Schloss.

   "Das gibt's doch nicht, Mann! Ich habe schon viele Hornochsen ausgebildet, aber das habe ich noch nicht erlebt, Mann. Melden Sie sich beim Leutnant, Sie Blindgänger! Verliert sein Gewehrschloss --- ." Der Feldwebel klopfte sich fassungslos mit der flachen Hand an die Stirn.

   Der Leutnant gab sich betont gelassen und ließ die Kompanie kommentarlos ausschwärmen. Alles vergebens, das verfluchte Schloss ließ sich einfach nicht mehr finden.

Nicht einmal von einer ganzen Kompanie!

   Der Kompaniechef war, wie schon gesagt, Pädagoge. "Eigentlich müsste ich Sie für drei Tage in den Bau schicken", meinte er, "aber das brächte uns das Schloss auch nicht wieder. Sie haben ab sofort unbefristete Ausgangssperre und werden in jeder dienstfreien Minute auf dem Kasernenhof Zigarettenkippen sammeln. Ich werde Sie das Suchen lehren, Sie Pfadfinder. Treten Sie ab!"

Und halblaut, sozusagen im Selbstgespräch: "Mit solchen Leuten verlieren wir noch den Krieg."

Wie recht er hatte. Vorgesetzte haben immer recht.

   

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