Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Die Springerschule

   Der nächste Weg führte zur Springerschule nach Wittstock an der Dosse, wo er als erstes seine Heeresklamotten gegen eine Uniform der Luftwaffe umtauschen musste. Anschließend erfolgte die Ausgabe der Springerausrüstung: Springerhose, Springerstiefel,  Springerstahlhelm, Kappmesser und der berühmte Knochensack, - Vorläufer der modernen Kampfanzüge. 

Der Fallschirm lag noch auf der Kammer und wartete darauf,  von seinem neuen Besitzer zum ersten Mal gepackt zu werden.

   Die Ausbildung war vielseitig und strapaziös, machte aber großen Spaß.

Beim Üben des richtigen  Fallens -  der gekonnte Fall war das A und O der Geschichte - wurde man unter anderem  mit einem Flaschenzug, an einem Karabinerhaken in Fallschirmgurten hängend, bis unter das Hallendach hochgezogen, in einen kreisenden Pendelschwung versetzt und im möglichst ungünstigsten Moment ausgeklinkt. Dabei lernte man, sich wie eine Katze in der Luft zu drehen und mit federnden Knien sicher zu landen.

Wer es dabei versäumte, die Fußknöchel fest aneinander zu drücken, war selber schuld. Denn wenn die Fußsohlen nicht auf gleicher Höhe waren, brach bei hoher Fallgeschwindigkeit gewöhnlich  zunächst das eine Bein weg und Sekundenbruchteile später  das andere.

   "Rolle vorwärts" und "Rolle rückwärts" wurden  praktisch Tag und Nacht geübt. Nur eine solche Schulterrolle ermöglichte das Aufstehen,  wenn der Schirm noch nach der Landung von einem kräftigen Wind aufgebläht wurde und den Springer hinter sich durch das Gelände schleifte.

Sich aus solcher Lage zu befreien, lernte der Springer mittels eines  "Windesel", einer ausgedienten JU-52, der man die Flügel gestutzt,  den Mittelmotor aber belassen hatte. Weitere Hilfsmittel waren ein eigens zu diesem Zweck angefertigter "Schleifanzug" aus dickem Leder und ein alter Fallschirm.  Wenn dieser vor dem laufenden Motor entfaltet wurde,  verging dem daran hängenden Mann Hören und Sehen. Mit einem gewaltigen Ruck wurde er über den Boden gerissen, bis es ihm gelang, das Bündel der Fangleinen mit beiden Händen zu packen und sich mit Hilfe der Rolle vom dahintreibenden Schirm auf die Füße ziehen zu lassen. 

Der Rest war ein Kinderspiel. Der Schirm wurde im Spurt umlaufen und sackte in sich zusammen.

   Lebenswichtigster Teil der Ausbildung war das Fallschirmpacken.

"Jeder Springer packt seinen Fallschirm selbst", lautete eine eiserne Regel der Truppe, die auch für Offiziere bis hinauf zum General galt.

Packen wurde unter strenger Aufsicht geübt, Falte für Falte und Sicherheitsfaden für Sicherheitsfaden, so lange, bis jeder Handgriff im Schlaf saß.  Schon beim Schein einer falschen Fingerbewegung hieß es "Hüpfen". Den etwa 20 Meter langen Packtisch in tiefer Hocke mit vorgehaltenem Fallschirm hüpfend zu umrunden, -  das war kein Kinderspiel.

   Endlich stand der erste von sechs Pflichtsprüngen, die für den Erwerb des begehrten Fallschirmjägerabzeichens erforderlich waren, auf dem Dienstplan. Der erste erfolgte aus 250 Meter Höhe und war ein beglückendes Erlebnis.

Zum ersten Mal in seinem Leben saß er in einem Flugzeug und sah die Welt bei strahlendem Sonnenschein  aus der Vogelperspektive. Einfach phantastisch!

Viel zu schnell kam der Befehl "Aufziehleinen einklinken!" Ein Ausbilder überprüfte blitzschnell die Karabinerhaken, und dann ging alles ruck zuck. Kaum an der offenen Tür angekommen gab ihm der Absetzer auch schon den traditionellen Schlag in den Rücken.

   Beim eigentlichen Absprung war es wichtig, im Türrahmen fest verkrallt in eine leichte Hocke zu gehen, sich kräftig mit den Füßen abzustoßen und in Richtung Eisernes Kreuz auf der Tragfläche zu hechten. Wer nur zögerlich sprang und deshalb nicht genügend Abstand von der Maschine gewann, musste damit rechnen, dass sich sein Fallschirm im Leitwerk verhedderte und er bei der Landung der Maschine zu Tode geschleift wurde. Solche Unfälle kamen vor, doch wurde nur ungern darüber gesprochen. Tröstend hieß es, man werde noch in der Luft ohnmächtig und spüre nichts mehr.

   Die nächsten Absprünge erfolgten aus immer geringeren Höhen. Beim fünften zeigte der Höhenmesser nur noch 100 Meter an. Bei solch geringen Höhen pendelt man nicht mehr richtig aus und weiß dann aus eigener Erfahrung,  warum Fallen und Abrollen so ausdauernd geübt wurden.

   Den krönenden Abschluss bildete ein Nachtsprung, bei dem weder Ort noch Höhe bekanntgegeben wurden. Der Flug währte eine halbe Ewigkeit. Die Maschine musste bereits über der Umgebung von Schwerin kreisen , - oder vielleicht über Magdeburg?

Es war stockdunkel, und er fiel irgendwo ins Nirgendwo. 

Endlich - die Erde.  Nein,  doch nicht.  Ein einfach scheußliches Gefühl! 

Urplötzlich der Schatten eines Schattens, - aber  da lag er auch schon auf der Schnauze. 

Scheinwerfer flammten auf und beleuchteten das Gelände.

Jetzt wusste er wieder, wo er war - auf dem gewohnten Sprungfeld in Wittstock an der Dosse.

(Ein Klick rechts auf den Mini-Fernseher zeigt Ihnen in einem kleinen Filmchen Fallschirmjäger beim Sprung)

 

   

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