Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Sizilien

Einer  im Schein des Vesuvs geradezu romantischen Nacht unter freiem Himmel folgte die Weiterfahrt per Bahn nach Reggio di Calabria. Pioniere setzten die Kolonne nach Messina über, wobei ein paar feindliche Jagdbomber die Rolle der Meeresungeheuer Scylla und Charybdis übernahmen, die in der griechischen Mythologie den dort Vorüberfahrenden nach dem  Leben trachteten. Die Fahrt auf der Küstenstraße nach Süden führte an so berühmten Fremdenverkehrsorten wie Taormina vorüber, wo Bolle eine längere Marschpause zu einem Abstecher in die oben am Berg liegende Stadt mit ihrem im  13. Jahrhundert erbauten gotischen Dom und ihren uralten Adelspalästen nutzte.

   Dabei erfuhr er von einem Fremdenführer, dass er unten am Meer auf dem historischem Boden von Naxos parke, der 735 v. Chr. von Chalkis aus gegründeten ältesten Siedlung der Griechen auf Sizilien. Gebäudeschäden konnten die kanadischen Jagdbomber, die seine dort stehenden Fahrzeuge gerade angriffen, allerdings nicht mehr anrichten: Dionisios I, der Tyrann von Syrakus, war 2350 Jahre vor den Kanadiern dort gewesen und hatte keinen Stein auf dem andern gelassen.

   Catania lag nach einigen Bombenangriffen, mit denen die Alliierten die Invasion vorbereitet hatten, in Schutt und Asche. Das 3. Fallschirmjägerregiment war südlich der Stadt gesprungen, hatte jedoch dem mit Panzerfahrzeugen vorrückenden, zahlenmäßig weit überlegenen Feind nach Ausfall der Panzerjäger nichts entgegenzusetzen  und schlug sich seitwärts durch die Büsche nach hinten zu Auffangstellungen am Stadtrand durch.

   Während Catania von Land und See her unter schwerem Artilleriebeschuss lag und immer wieder Bombenangriffe über sich ergehen lassen musste, verbrachte Bolles Zug die nächsten, heißen Julitage des Jahres 1943 in einem Weinberg unmittelbar am Rand eines Ortes wenige Kilometer oberhalb der Stadt. In dem Etappenstädtchen  herrschte Betrieb wie  im tiefsten Frieden. Man konnte gemütlich durch die Gassen bummeln oder in einem Straßencafe ein Gläschen trinken. An den Krieg erinnerten nur der ferne Geschützdonner und die Bombergeschwader am Himmel.

   Im übrigen ist die Erinnerung an diese Zeit leicht getrübt, denn es gab zum Frühstück schon Marsala, jenen schweren, mit Ei angereicherten Süßwein, der garantiert den stärksten Mann umhaut, wenn der ihn aus der Kaffeekanne trinkt.

   Die Sache wäre nicht erwähnenswert, wenn Bolle nicht mitten in der Nacht den Befehl erhalten hätte, die Geschütze bewacht zurückzulassen und mit der Masse der Kompanie unter der Führung des Chefs einen Frontabschnitt im Panzergraben vor Catania zu beziehen. Der Gegner hatte sich bis auf etwa 80 Meter herangearbeitet und dort eingegraben. Jetzt war sein Sturmangriff fällig. Für die Engländer oder Neuseeländer wäre die Sache längst gegessen, aber es waren keine Untertanen Seiner britischen Majestät, die dort lagen. Es waren Amerikaner, und die gingen meist auf Nummer sicher und griffen nicht gern ohne gründliche Artillerievorbereitung an. Die Artillerie aber hatte das Feuer eingestellt, um bei dieser geringen Entfernung zwischen den Fronten die eigenen Leute nicht zu gefährden.

Es war ein klares Patt.

   Nach dem Gelage am Vorabend und den Strapazen der Nacht erwachte Bolle erst am Vormittag - mit schmerzendem Kopf und strohtrockener Kehle. In seiner Feldflasche war noch ein Schluck Marsala. Aber wer trinkt schon Marsala, wenn er Durst hat? "Holen sie 'nen Wasserkanister", befahl er seinem Melder. Der Kanister war voll, randvoll - mit Marsala. Alle drei Wasserkanister seines Zuges enthielten Marsala - jeweils 20 Liter.

Das durfte der Chef nie erfahren. Niemals!

150 Meter weiter hinten stand ein abgebranntes Bauernhaus. Man brauchte kein Fernglas - der Ziehbrunnen war mit bloßem Auge deutlich zu erkennen.

150 Meter! Im Dunkeln ein Katzensprung, bei Büchsenlicht weiter als zum Mond.

Lieber Gott, lass Abend  werden!

   Einige Nächte später wurde der Panzergraben in aller Stille geräumt. Nachdem die Alliierten an allen Ecken und Enden Siziliens Fuß gefasst hatten und die Italiener keinerlei Neigung zeigten, ihnen Widerstand zu leisten, war jedermann klar, dass die wenigen deutschen Divisionen die Insel gegen die Übermacht der Alliierten nicht nur nicht halten konnten, sondern froh sein mussten, mit einigermaßen heiler Haut wieder aufs Festland zu gelangen.

   Der Gegner besaß die Herrschaft in der Luft und auf See, größere Truppenbewegungen waren nur in den kurzen Sommernächten möglich, und am Nadelöhr des Fährverkehrs über die zwischen drei und dreizehn Kilometer breite Straße von Messina führte kein Weg vorbei. Keine leichte Aufgabe für den kommandierenden General und seinen Stab, denen der Rückzug entgegen aller Wahrscheinlichkeit zum Meisterstück geriet.

   Bolles Zug bildete die meiste Zeit sozusagen die Nachhut der Nachhut direkt an einer Rückzugsstraße, die von Catania um den mehr als 3.300 Meter hohen Ätna herum über Paterno, Adrano, Bronte  nach Randazzo führte und nördlich von Acireale auf die Küstenstraße nach Messina stieß.

Nachhut - das hört sich gefährlich an, war aber bei genügend Bewegungsspielraum und ein bisschen Glück in diesem bergigen Gelände eine verhältnismäßig ungefährliche Angelegenheit. Über die Nachhut flogen die Bomberströme hinweg und luden ihre Lasten erst im Hinterland ab, an die Nachhut tastete sich die gegnerische Vorhut nur vorsichtig heran, und  die Nachhut wechselte ihre Stellung geschwind, wenn die feindlich Artillerie sich ernsthaft  einzuschießen begann.

   Sein Zug hatte bis zum jeweils nächsten Rückzugsbefehl in ständigem Feindkontakt hinhaltenden Widerstand zu leisten, konnte sich jedoch jederzeit hinter die erste Auffangstellung der Kompanie zurückfallen lassen, wenn ihm Überflügelung durch Infanterie irgendwo rechts oder links im Gelände drohte. Zwischen Adrano und Bronte wäre das um Haaresbreite passiert. Der jenseitige Hang der Höhe rechts der Straße lag unter schwerem Artilleriefeuer, vor dem sich ein aus vielen älteren Männern bestehendes Festungsbaubataillon fluchtartig zurückzog und den diesseitigen Abhang herabflutet.

   Zur gleichen Zeit tauchten vorn an der Straßen, die einen Bogen um den Hügel machte, mehrere feindliche Panzer auf.  An Aufprotzen und Abhauen war nicht mehr zu denken. In dieser Lage konnte er sich nicht mehr von der Stelle rühren, die Sache musste ausgefochten werden. Wenn aber im Verlauf des Gefechts feindliche Infanterie über die Höhe kam, womit jede Minute zu rechnen war, und ihn in der rechten Flanke packte, dann war er erledigt - ein für allemal.

   Mit seinen drei  Maschinengewehrtrupps eilte er auf den Höhenrücken, wobei ihm einige der zurückgehenden Infanteristen unaufgefordert folgten, und ließ Dauerfeuer eröffnen. Die Maschinengewehrgarben zwangen die erste Angriffswelle der als hervorragende Soldaten bekannten Neuseeländer, die sich dem Bergscheitel schon bis auf etwa 100 Meter genähert hatten,  erst mal in Deckung. Die größte Gefahr war gebannt.

   Er befahl seinen Leuten, die Stellung so lange zu halten, bis sie die eigenen Kanonen hörten, dann aber die Beine in die Hand zu nehmen und schleunigst zu den Zugmaschinen im Tal zu türmen. Zeit genug dafür würde ihnen bleiben, denn es war nicht anzunehmen, dass der Gegner sofort bergauf sprinten würde, sobald die Maschinengewehre das Feuer einstellten. Er selbst hastete wieder zur Straße hinunter und fand die Lage unverändert vor. Die Panzer, inzwischen waren es fünf, standen noch immer unentschlossen an der gleichen Stelle. Offenbar warteten sie auf die Infanterie.

Ums kurz zu machen: “Feuer frei!” Jede Granate traf vernichtend, zu einer Gegenwehr mit Schusswechsel kam's gar nicht erst; alle Ziele brannten  innerhalb von Sekunden. - "Aufprotzen! - Los, los, Beeilung! Schneller, schnellner! Nichts wie weg hier!"

   Irgendwo kurz vor Messina wurde Bolle zum Fahnenjunkeroberfeldwebel befördert und erhielt das EK I. Das schönste aber war, er hatte von seinen mehr als 30 Leuten nur einen einzigen Mann verloren. Der war bei der Fahrt durch die von Trümmern übersäten Straßen der zerbombten Stadt Bronte unter die Kanonenräder geraten und lag transportunfähig  im dortigen Krankenhaus.

   In Messina näherte sich der fieberhafte Fährbetrieb dem Ende. Es war Mitte August, als er die Geschütze im Hafen zum letzten Mal auf Sizilien in Stellung brachte. Der letzte Schuss galt allerdings keinem Panzer, sondern einem ganz gewöhnlichen Mansardenfenster, aus dem ein Verrückter im Dunkeln auf die letzten abziehenden deutschen Soldaten schoss

 

   

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