Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Die Brücke

    Der Weg durch Kalabrien nach Norden dauerte eine endlose Woche. Mit dem am 3. September an der Stiefelspitze gelandeten Feind dicht auf den Hacken und seinen Tieffliegern im Nacken ging es über Berg und Tal zunächst nach Cozenza, dann nach Castrovillari, von dort über abenteuerliche Bergstraßen Richtung Nordosten nach San Chirico Rapario und schließlich über Potenza nach Eboli. In den südlichen Abruzzen schaffte die Sprengung der Brücken über die zahllosen Schluchten immer wieder etwas Luft zwischen Verfolgten und Verfolgern.

   Noch im tiefsten Süden, befand sich Bolles Zug mitten auf der langen Brücke über ein breites, trockenes Flussbett, das an der engsten Stelle der Stiefelspitze in den Golf von Scillario mündete. Der Lärm der Motoren und Ketten übertönte alle anderen Geräusche.

Wie Gespenster kamen die feindlichen zweimotorigen Bomber von der Landseite im Tiefflug um die Flussbiegung, Tragfläche an Tragfläche, jeweils drei, insgesamt zwölf.

Die konnten wirklich fliegen, die Kerle. Und nicht nur das, sie konnten auch verdammt gut Bomben werfen.

Bolle hatte den Asphalt noch nicht erreicht, da brach die Hölle los. Es heulte und es krachte, es pfiff und es krachte, und es krachte und krachte. Von einem steinharten Sprungtuch, so schien es jedenfalls,  wurde er mehrmals in die Luft geprellt. Es heulte, pfiff und krachte. Ein Erbeben schüttelte die solide Stahlbetonkonstruktion wie ein Tropensturm eine Seilbrücke im Urwald. Es krachte Schlag auf Schlag - die Welt ging unter. Der Spuk dauerte Stunden, in Wirklichkeit  eine Minute, vielleicht auch zwei.

   Im übrigen war ein Wunder geschehen: von einigen Schürfwunden abgesehen, hatte kein Mensch einen Kratzer davongetragen. Das langgestreckte Bauwerk hatte mehrere Volltreffer erhalten, aber die Bomben hatten es glatt durchschlagen und waren samt und sonders im Flussbett detoniert. Vor Bolles Nase klaffte ein großes Loch im Pflaster. Und nicht nur dort. Dennoch war die Brücke weiterhin befahrbar

 

   

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