Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Der "Feind"

   Im Morgengrauen des nächsten Tages erfolgte ein verspäteter Gegenstoß des Gegners. Nach einem Angriff mehrerer Bomberwellen und kurzer Artillerievorbereitung kam englische Infanterie verhältnismäßig schwunglos über das offene Feld. Das waren ganz offensichtlich junge Hüpfer ohne jede Fronterfahrung. Bolle hockte mit seiner Maschinenpistole in dem bereits erwähnten Straßengraben und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Für seine Waffe war der Feind noch außer Reichweite.

   Der Dicke stand 50 Meter vor ihm auf und schaute sich verwirrt in der Gegend um. Er trug einen Helm, aber keine Waffen, ja, er hatte nicht mal ein Koppel um. Die Rot-Kreuz-Binde am Oberarm war nicht zu übersehen. Kein Mensch schoss; auch die Engländer hatten ihr Feuer eingestellt. Keuchend kam er heran, ließ sich in den Straßengraben fallen, nahm den Helm ab und wischte sich den Schweiß aus dem puterroten Gesicht. Der Gefechtslärm setzte wieder ein.

"May I have a cup of tea?" fragte er höflich. Bolle starrte ihn immer noch entgeistert an und kramte sein Schulenglisch raus. "No tea, only coffee", beschied er den unerwarteten Gast. Der winkte ab und packte seinen Brotbeutel aus.

   Die feindliche Infanterie kam nicht voran und hatte Artillerieunterstützung angefordert. Als die ersten Granaten heranheulten, wies Bolle mit dem Finger auf seine Kanalröhre: "Get in there." Der Gefangene zwängte sich gehorsam in den engen Tunnel, doch er blieb, wie sich bald herausstellte, nicht in voller Deckung. Er kroch auf der anderen Seite wieder hinaus und kochte dort in aller Gemütsruhe auf seinem Hartspirituskocher ein Kochgeschirr voll Tee. Der Rückweg durch die Röhre war ihm offenbar zu anstrengend. Zwischen zwei Granateneinschlägen kam er über die Straße und reichte Bolle, etwas verlegen, einen Becher Tee.

   Die Engländer hatten sich eingegraben, das Gefecht zog sich in die Länge. Am helllichten Tag konnte Bolle den Mann nicht nach hinten schicken. Er nutzte die Zeit, um seine Englischkenntnisse aufzufrischen.

Der Dicke zeigte ihm Bilder von seiner Familie daheim und erzählte ihm, dass er Berufsmusiker sei und in der Regimentskapelle, die an der Front als Sanitätszug eingesetzt werde, die große Pauke schlug. Ein Koppel, und dabei klopfte er sich auf den Bauch,  hätten sie auf der Kleiderkammer für seine Taillenweite  nicht gehabt. Zwischendurch kochte er immer mal wieder Tee und bot Bolle Zigaretten der Marke "Navycut" an.  Den deutschen Malzkaffee hatte er mit Recht verschmäht, aber die Erbsensuppe aus der Feldküche des Fritz verzehrte er mit Genuss, ein zweiter Schlag war ihm auch recht. Die Trennung am Abend bedauerten beide.

   Am nächsten Morgen erschienen zum ersten Mal seit der Landung Panzer auf dem Gefechtsfeld. Es wurde ein heißer Tag, die Angreifer erlitten schwere Verluste. Gegen Abend schwenkten Parlamentäre des Gegners die weiße Fahne und trafen sich zwischen den Linien mit deutschen Stabsoffizieren. Eine Feuerpause bis Mitternacht wurde vereinbart, um die Verwundeten zu bergen. Neben Sanitätsfahrzeugen rollten feindliche Panzer mit aufgesetzter Mündungskappe vor und beteiligten sich an der Bergungsaktion.  -

   Bolle ließ das Fernglas fallen. Ein kurzer, scharfer  Peitschenschlag hatte den linken Unterarm getroffen, aus dem Ärmel floss Blut.

Ein glatter Durchschuss, etwa zehn Zentimeter unterhalb des Ellenbogens. Er packte ein Verbandspäckchen auf die Wunde, meldete sich per Feldtelefon bei der Kompanie ab und ließ sich vom Krad-Melder zum Hauptverbandsplatz fahren.

"Ab ins Feldlazarett", sagte der Stabsarzt.

"Aber, - "

 "Kein Aber", unterbrach ihn der Doktor und zog mit der Pinzette einen Stoff-Fetzen aus der Wunde.

Im Feldlazarett schlief er sich, zum ersten Mal seit vielen Wochen, so richtig aus - in einem schönen, weißen Bett.

 

   

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