Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Es geht um die Wurst

   Während der Genesungszeit in der Heimat hatte die Kompanie den Chef gewechselt; ein ewiger Hauptmann mit rosarotem Babygesicht, der ungeduldig auf die längst fällige Beförderung wartete, hatte das Kommando übernommen. Wegen seiner Strenge war er bei Mannschaften und Unteroffizieren gleichermaßen gefürchtet, ihm ging wahrlich kein guter Ruf voraus. Er war verbittert, weil nicht er als Dienstältester, sondern ein jüngerer Hauptmann zum Abteilungsführer ernannt worden war.

   Die Kompanie legte, wieder einmal, in einem breiten Hochtal der Abruzzen mit Pionierhilfe eine Auffangstellung an. Die Pionier hatten bereits einen gewaltigen Panzergraben quer durch die kilometerbreite Senke gebuddelt und sprengten jetzt bombensichere Unterstände für die Geschütze in die Felsenwände.

   Die Mannschaften waren in den Scheunen des einsam gelegenen Bergbauernhofes einquartiert, der Chef hatte mit seinen beiden Kompanieoffizieren das Wohnhaus bezogen, wo er sie, wie alles um sich herum, argwöhnisch beobachtet. Für Arrestanten hatte er eigens einen Verschlag im Stallgebäude einrichten lassen, damit die ihre Strafen unverzüglich absitzen konnten. Mit drei Tagen geschärften Arrest war er äußerst großzügig, da konnten sich nicht einmal die Unteroffiziere ohne Portepee beklagen.

   In der Gegend liefen zahllose Schafherden herum, es herrschte Überfluss an Fleisch. Als einige Männer an Gelbsucht erkrankten, führte der Hauptmann dies auf übermäßigen Fleischgenuss zurück und setzte die Fleischration per Kompaniebefehl auf 100 Gramm pro Tag und Nase herab. Das Wursten wurde verboten, alle noch vorhandenen Würste musste der Verpflegungsunteroffizier an die Decke der Diele des Offiziersquartiers hängen.

    Bolle erhielt den Befehl, die Würste zu zählen. - Man stelle sich das vor, er musste diese Würste zählen. Es waren genau 198 Stück. "Das kann nicht stimmen, Herr Hauptmann", meldete sich der einstige Gefreite vom Kompanietrupp vor Leningrad zu Wort, "Ich habe mitgezählt. Es sind genau 200."

Der Hauptmann warf Bolle einen misstrauischen Blick zu und zählte höchstpersönlich.  Bei 194 war er mit seinem Latein am Ende. Der andere Leutnant hatte hinter seinem Rücken vier Würste von der Decke genommen. "Man verzählt  sich leicht bei dieser Beleuchtung", sagte er jetzt mit todernster Miene. Aber ein Hauptmann verzählt sich nicht, auch nicht bei dieser Beleuchtung. Unverdrossen begann er von neuem, diesmal laut, "Eins, zwei, drei, vier .... " Der Kamerad zwinkerte Bolle verschmitzt zu. Der konnte sich kaum  noch beherrschen und wäre um ein Haar vor unterdrücktem Lachen geplatzt.

  Der Hauptmann schloss diesmal bei 195; der Leutnant hatte heimlich eine Wurst dazugehängt. "Sie haben wohl recht, meine Herren", sagte er endlich resigniert, "das Licht ist nicht besonders gut." -

  Der Kamerad rülpste ungeniert und räumte die Pelle weg. Während der Chef draußen in der Kälte seinen Rundgang machte, hatten sie sich in der warmen Stube eine Wurst geteilt.  Sie waren mehr als satt, als der Hauptmann hungrig und frierend den Raum betrat, sich die Handschuhe auszog und  leutselig fragte: "Wie wär's mit 'ner Wurst, meine Herren?" Der Kamerad wiegte bedenklich den Kopf von einer Seite zur anderen: "Aber der 100-Gramm-Befehl, Herr Hauptmann. Was werden die Leute sagen, wenn die Offiziere ... " - "Tja, wenn Sie meinen." Der Hauptmann räusperte sich und kramte mit saurer Miene verdrossen Brot und Margarine aus dem Küchenschrank.

 

   

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