Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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In Lebensgefahr

   Nach Vollnarkose und Notoperation war das Bein unbeweglich geschient. Der Aufenthalt im Feldlazarett währte bis zum Weitertransport ins Lazarett nach Paris zwei unerträglich lange, qualvolle Nächte. Als ein junger Arzt auf einem Pariser Bahnsteig das Verwundetenabzeichen in Silber sah, gab er ihm gnädig die letzte vorhandene Morphinspritze und teilte ihn für das noble Marinelazarett ein, das feinste Haus am Platz, gewissermaßen.

   In jedem anderen Lazarett wären sie angesichts seines willenlosen Zustandes ohne viel Federlesen mit der Amputation schnell bei der Hand gewesen. Nicht so im Marinelazarett. Der behandelnde Orthopäde, ein Dozent der Universitätsklinik Kiel, sah sich das Malheur an und sagte: "Das Knie ist nicht mehr zu retten, aber ich will trotzdem versuchen, Ihnen das Bein zu erhalten.  Was Sie jetzt brauchen, ist viel Geduld."

   An Bolles Vater schrieb er folgenden Brief:

   "Wie Sie wissen werden, wurde Ihr Sohn am 20.7.44 in das Marinelazarett Feldpostnummer M 09276 eingewiesen. Er war draußen schon einmal kriegschirurgisch versorgt worden. Es handelte sich bei ihm um einen Kniegelenkssteckschuss mit einem Schussbruch des inneren Oberschenkelknorren. Trotz sofortiger Ruhigstellung und reichlich Gaben von Sulfonamid trat eine Eiterung im Kniegelenk auf, mit hohem Fieber und bedrohlichen Erscheinungen. Ich musste mich deshalb entschließen bei Ihrem Sohn eine Kniegelenksresektion zu machen, da das Leben Ihres  Sohnes in Gefahr war. Ich kann Ihnen nicht verschweigen, dass eine Kniegelenksresektion mit einem eitrigen Schussbruch eine ernste Operation darstellt. Ihr Sohn hat sich nach der Operation gut erholt. Vor allen Dingen sind die unerträglichen Schmerzen gewichen. Das Fieber hält noch an und wird auch erfahrungsgemäß einige Zeit anhalten. Es ist aber zu hoffen, dass Ihr Sohn das Fieber überstehen wird.

   Ich habe Ihrem Sohn gesagt, dass ich Ihnen schreiben werde. Sie dürfen davon überzeugt sein, dass ärztlich und pflegerisch alles für ihn getan wird. Er liegt in einem Einzelzimmer. Das Marinelazarett ist ruhiggelegen und es stehen ihm alle modernen Hilfsmittel zur Verfügung, so dass Sie sich in dieser Beziehung keine Sorgen machen brauchen.                                                                   

                                                         (gezeichnet: Name)

                                                      Flottenarzt und Chefarzt

                                                           Beratender Chirurg

   Bolle lag in Beckengips. Das rechte Bein war bis unters Knie eingegipst, das linke hing an sogenannten Kürschnerbügeln, deren Spanndrähte oberhalb und unterhalb des Knies sowie über dem Fußknöchel durch die Knochen getrieben waren, an einem Besenstiel, der an einem Ende am Beckengips befestigt war und am anderen an einem Bettgalgen baumelte. Er fieberte ständig und hatte fürchterliche Schmerzen, die merkwürdigerweise an der unteren Wirbelsäule am stärksten waren. Schlafen konnte er nur unter Morphium.

   Der Doktor machte sich mit ihm riesige Mühe. Schon bei der Morgenvisite setzte er sich ans Bett und forderte Bolle auf, ein Gläschen Kognak mit ihm zu trinken. Er hatte eigens zu diesem Zweck einen uralten Napoleon besorgt und in Bolles Nachttisch gestellt. Er löffelte ihm eigenhändig ein weiches Ei in den Mund und fragte, ob ihm zu Mittag ein Täubchen recht sei. Der Mann war einfach unglaublich.

   Zunächst hatte Bolle einen Zimmergenossen, doch der wurde eines Tages hinausgeschoben und kam nicht mehr wieder. Kein Wunder - Bolles Wunde eiterte, in dem Zimmer muss es grässlich gestunken haben.

Mit der Zeit ging es ihm tatsächlich besser. Das Fieber ließ nach, die Sonne strahlte ins Zimmer, irgendwie wurde die Welt  bunter

   

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