Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Der Westen

   Also auf in den Westen, hoch über den Stein. Auf der anderen Seite im Tal der Werra lag Wanfried, von dort fuhr die Bahn nach Frankfurt, nach München, nach Köln oder Hamburg. Die ganze, weite Welt der amerikanischen und britischen Besatzungszone stand ihm offen.

   Die Bahn fuhr nicht, jedenfalls nicht von Wanfried. Sie fuhr, wie zu erfahren war, erst ab Eschwege-West.

Statt dessen stand ein Jeep auf dem Marktplatz. Die beiden Militärpolizisten hatten trotz der Kälte die Frontscheibe heruntergeklappt und ihre Füße draufgelegt. Sie trugen warme Stiefel und forderten ihn zum Einsteigen auf. Die Fahrt endete in Eschwege in einer Zelle. Er hatte sich wegen illegalem Grenzübertritts vor dem Unteren Militärgericht zu verantworten.

   Täglich gingen Hunderte, ja Tausende illegal über die Grenze. Deswegen wurde doch keiner vor ein Militärgericht gestellt. Diese verdammten Militärpolizisten mussten wohl ihr Soll erfüllen, und ausgerechnet er zählte zu diesem Soll.

Bolle wurde zu 20 Reichsmark Geldstrafe verdonnert; soviel kosteten damals vier Ami-Zigaretten. 20 Mark hatte er noch im Portemonnaie, die konnte er noch bezahlen.

   Nach der Burleske fragte der Lieutenant, der die Anklage vertreten hatte, interessiert nach dem Wohin. "Hierher in den Westen, irgendwohin. Das Eintrittsgeld habe ich ja soeben entrichtet", antwortete Bolle, der während der kurzen Verhandlung sein bestes Englisch gesprochen hatte.

   "Ich könnte einen Dolmetscher gebrauchen. Was meinen Sie?" eröffnete ihm der Ami. Bolle gab zu bedenken, dass er in Eschwege kein Dach über dem Kopf habe, doch diesen Einwand wischte der andere lässig vom Tisch.

   Er erhielt eine schriftliche Anweisung an das Wohnungsamt und wurde in einem alten Fachwerkhaus in der Marktstraße einquartiert. Die Hauswirtin führte zusammen mit ihrer Tochter den Textilwarenladen im Erdgeschoss, in dessen vier großen Schaufenstern allerdings nur wenige Waren lagen. Bolle bekam das Zimmer des schon 1940 gefallenen Sohns. Im übrigen war das ganze Haus bis unters Dach mit Flüchtlingen vollgestopft.

   Von den Amis erhielt er für die Dolmetscherei im Gericht ein warmes Essen und darüber hinaus vom Lieutenant einige Zigaretten. Bezahlt wurde er vom Landratsamt, und diese Bezahlung war miserabel. Wenn er sich die "Lucky Strike" hätte selber kaufen müssen, wäre für ihn bei seinem Konsum schon drei Tage nach dem Ersten Ultimo gewesen. 

   

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