Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Der Dienstantritt

   Am Montag, dem 31. Mai, brach er Punkt 16.00 Uhr die erste Seite der "Werra-Rundschau" zum letzten Mal um, am nächsten Morgen pünktlich um 8.00 Uhr stand er bei der AP auf der Matte. Da er die Frage des Chefredakteurs: "Haben Sie schon eine Unterkunft?" mit einem Kopfschütteln beantworten musste, sagte der: "Na, dann suchen Sie sich erst mal ein Zimmer, und kommen Sie morgen wieder." Nach einem Blick in den Anzeigenteil der "Offenbach Post" fand Bolle ein Zimmer am Offenbacher Mathildenplatz. Das bedeutete zwei lange Straßenbahnfahrten täglich, aber in Frankfurt ließ sich auf die Schnelle nichts finden.

   Am Monatsende kürzte ihm die Lohnbuchhaltung tatsächlich sein Gehalt um diesen einen Tag. In seinen Personalpapieren stand unter der Rubrik Dienstantritt: 2. Juni 1954. 

Ob solcher Korinthenkackerei war Bolle sauer, hielt jedoch wohlweislich den Mund. Der Tag würde kommen --- .

   Und der Tag kam - einige Jahre später, als er als unkündbarer Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates zusammen mit dem Geschäftsführer des Deutschen Journalistenverbandes und einem Vertreter der IG Druck und Papier mit der Geschäftsführung der AP einen neuen Haustarif für Redakteure auszuhandeln hatte. Als die Gegenseite im Verlauf der üblichen Feilscherei ihre doch stets gezeigte "Großzügigkeit" in die Waagschale warf, packte Bolle genüsslich aus:

   Einem armen, schlecht bezahlten obdachlosen Anfänger hatten sie das Gehalt um 20 Mark und 83 Pfennige gekürzt, obwohl der vom Chefredakteur höchstpersönlich einen Tag frei bekommen hatte, um sich eine Dach über dem Kopf zu besorgen. Wenn er damals schon gewusst hätte, wie kleinlich diese Firma sei, dann wäre er selbstverständlich in der Redaktion geblieben. Wenn er damals schon gewusst hätte, dass der Herr Geschäftsführer glaube, der Chefredakteur habe nichts zu sagen, dann hätte er seine Zimmersuche auf den Feierabend verschoben. Dieses, an Schäbigkeit nicht mehr zu überbietende Verhalten nenne die Geschäftsleitung "großzügig", - "großzügig", da könne man doch nur lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. Man möge auf hochtrabendes Geschwätz verzichten und lieber zur Sache kommen.

   Die Gewerkschaftsvertreter mussten sich pflichtgemäß doch sehr wundern und schüttelten ungläubig ihre Häupter. So etwas gab es doch nicht, vielleicht in Amerika, aber doch nicht in Deutschland. Der amerikanische Direktor, der von alledem nichts wusste, war peinlich berührt. Der deutsche Geschäftsführer saß da mit rotem Kopf - er hatte einen Bumerang geworfen  und eine böse Beule davongetragen. Man sah es ihm deutlich an: am liebsten hätte er Bolle die 20 Mark in den Rachen gestopft.

   Zum Schluss waren die Redakteure mit dem neuen Tarif sehr zufrieden  - er lag höher als der bei der Konkurrenz.

   Übrigens wurde der Zeitpunkt des Dienstantritts anlässlich seines 30jährigen Dienstjubiläums ehrenhalber und ganz offiziell auf den 1. Juni 1954 vorverlegt. Er wurde mit dem AP-Orden in Gold ausgezeichnet, der wie das Kreuz der Ehrenlegion im Knopfloch zu tragen ist.  Die 20 Mark könnten aus buchungstechnischen Gründen  leider nicht nachgezahlt werden, ließ der neue amerikanische Direktor verschmitzt  verlauten. Das war ein kleiner Schelm. –

   

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