Der Mansfeld kommt

Erinnerungen an Krieg und Frieden

Autor: Helmut Bollmann

 

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Die Spanien-Reise

Vor der Hindelanger Zeit hatte Bolle mehrmals Urlaub in Spanien gemacht und einmal auch eine von einem Automobilklub organisierte Rundreise unternommen: Mit der Fähre von Genua nach Malaga und zurück. Dazwischen Land und Leute sowie riesige Reklametafeln mit einem Stier drauf.

Granada! Die Alhambra! Ein maurischer Traum aus Tausendundeiner Nacht. Wirklich faszinierend, wenn er nur nicht auf die blödsinnige Idee gekommen wäre, sich diese eleganten spanischen Schuhe zu kaufen.

Also weiter, mit Blasen an den Füßen, nach Sevilla und hin zum Hotelfriseur. Figaro hin, Figaro her. So ist Bolle noch nie eingeseift worden. Warum er der einzige Kunde war, verstand er erst, als ihm, mit einer tiefen Verbeugung voller Grandezza, die Rechnung überreicht wurde.

Auf dem bewachten Hotelparkplatz in Algeciras stand sein Kleinwagen mitten in einer Flotte von Dickschiffen vom Typ Mercedes und so. Aber nein, Bolles Auto wird aufgebrochen, wegen einer lumpigen Dose Tabak auf dem Rücksitz. Nun versuch mal einer, in Spanien Ersatz für die rechte hintere Seitenscheibe eines VW-Scirokko aufzutreiben. Da streckt auch der Ausland-Pannendienst des ADAC die Hufe. Sowas ist selbst in Wolfsburg unter drei Wochen nicht zu haben.

Folgerichtig erreichte Bolle die Fähre am Ende der Rundreise mit einer in voller Blüte stehenden Rippenfellentzündung und entsprechend hoher Temperatur. Es war kein Traumschiff, aber immerhin hatte es auf dem Achterdeck einen swimming pool, in dem sich nach dem Mittagsmahl das gesamte Küchenpersonal erfrischte, während in der verwaisten Kombüse heißes Öl aus der Fritteuse schwappte. Auf See kommt sowas schon mal vor.

Das Schiff trieb bei leichter Brise unter der Küste Mallorcas. Auf der Kommandobrücke über dem längst ausgebrannten Speisesaal der ersten Klasse versuchte ein einsamer Steuermann mit Gasmaske und heißen Sohlen Kurs zu halten. Aber halt mal Kurs, wenn der Kahn vor sich hindümpeln muß, damit der Fahrtwind die meterhohen Flammen nicht noch höher entfacht. Das Feuer fraß sich nach unten durch. Von Deck zu Deck, langsam aber sicher. In den beiden untersten dämmerten einige hundert Autos und ein paar LKWs mit prall gefüllten Tanks dem Landgang entgegen.

Rauch, Rauch, überall Rauch. Es rauchten nicht nur die Schornsteine, nein, das ganze Schiff rauchte. Bolle, um ehrlich zu sein, rauchte auch.

Unter den Passagieren brach eine mittelschwere Panik aus, obwohl sich die Besatzung sichtlich mit der Brandbekämpfung plagte. In der Nähe der Rettungsboote quetschte eine etwas füllige Dame Bolle gegen die Reling und ächzte, mit dem Finger und schreckgeweiteten Augen gleichzeitig auf ein paar im Wasser treibende Planken deutend: "Haie, sehen Sie Haie!" Und plötzlich, so ist das nun mal bei einer ordentlichen Panik, sahen andere die Mordgesellen auch. Die Dame zu beruhigen, war nicht leicht. Richtig still wurde sie eigentlich erst, als Bolle sagte: "Machen SIE sich doch keine Sorgen, die schnappen zuerst nach den Dicken." Das war sehr boshaft, aber wenn Bolle, an der Reling zerquetscht, in Panik gerät, kann er gelegentlich schon mal sarkastisch werden. Wenn der Druck weicht, tut es ihm dann wieder leid. Wie dem auch sei: Als die Fähre nach Tagen schließlich irgendwie doch noch in Genua anlegte, hat er sich geschworen: "Das tust Du dir nicht nochmal an."

  

   

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